(dena) - In Russland gelten seit diesem Jahr erstmals Auflagen für die Energieeffizienz von Gebäuden. Neugebaute Mehrfamilienhäuser müssen mit Wärmeübergabestationen ausgestattet sein, die eine Steuerung der Abgabe von Fernwärme in Abhängigkeit von der Außentemperatur erlauben. Dasselbe gilt für kommunale Gebäude, allerdings nicht nur bei Neubau, sondern auch bei Sanierung und Rekonstruktion. Außerdem müssen die Heizkörper in solchen Gebäuden mit Thermostaten ausgerüstet werden.

Energiesparen wird in Russland kaum öffentlich thematisiert

Für Russland ist das besonders aktuell. Wohnungen und sonstige Räumlichkeiten sowjetischer Bauart sind in der Regel überheizt, die Regulierung der Raumtemperatur findet mangels anderer Möglichkeiten durch Öffnen und Schließen der Fenster statt. „Die Straße beheizen“, nennt das der Volksmund. Während eine individuelle Messung durch Strom- und Wasserverbrauchszähler bereits gang und gäbe ist, sind Heizkostenverteiler unter diesen Umständen noch unbekannt. Insgesamt ist Energiesparen einstweilen wenig „trendy“, wird auch durch die vergleichsweise niedrigen Tarife als wenig relevant wahrgenommen und kaum öffentlich thematisiert. Angesicht der seit Jahren rückläufigen Realeinkommen der Bevölkerung und damit verbunden der Nachfrage nach vorzugsweise preiswertem Wohnraum, hat auch die Industrie nur begrenzt Interesse, als teuer geltende Energiespartechnik zu verbauen.

Bereits seit 2016 muss in Russland die Energieeffizienzklasse neuer oder sanierter Wohngebäude an der Fassade ausgewiesen werden. Mit einer „Road Map“ zur Steigerung der Energieeffizienz hat die russische Regierung vor zwei Jahren das Ziel ausgegeben, dass der Anteil von Häusern der höchsten Energieeffizienzklasse bis 2020 bei 20 und bis 2025 bei 30 Prozent liegen solle. Der Jahresverbrauch an Wärme- und Elektroenergie von Wohn- und kommunalen Gebäuden soll demnach bis 2020 um 15 und bis 2025 um 25 Prozent gesenkt werden.

Gas in der Ukraine kostet bereits dreimal so viel wie in Russland

In der Bevölkerung angekommen ist das Thema Energieeffizienz mittlerweile in der Ukraine. Seit 2014 vergibt der Staat sogenannte „warme Kredite“ zum Kauf von Produkten, die einer höheren Energieeffizienz von Ein- und Mehrfamilienhäusern dienen. 20 bis 35 Prozent der Kosten werden zurückerstattet. Im laufenden Jahr stellte Kiew insgesamt zwei Milliarden Griwna (rund 62 Millionen Euro) für Programme zur Steigerung der Energieeffektivität zur Verfügung, davon ein Fünftel für die „warmen Kredite“. Dazu kommen regionale Programme und Projekte internationaler Geldgeber wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die seit 2016 ebenfalls „warme Kredite“ im Rahmen ihres Programms „IQ Energy“ vergibt. Die Popularität solcher Fördermaßnahmen erklärt sich vor allem aus Sparzwängen: Die Gastarife für die Bevölkerung sind inzwischen mehr als dreimal so hoch wie in Russland und nahezu halb so hoch wie in Deutschland, wurden erst Anfang November um 23,5 Prozent angehoben. Das war eine Forderung des Internationalen Währungsfonds. Aufgrund von Schulden bei den Kommunalbetrieben blieben viele Heizkörper auch in diesem Winter wieder kalt.

Relativ erfolgreich ist in der Ukraine auch das Energiespar-Contracting, wenngleich die Zahl der Projekte noch sehr überschaubar ist. Eines davon betrifft 66 kommunale Gebäude in der zentralukrainischen Stadt Krementschuk, überwiegend Schulen und Kindergärten, deren Energieeffizienz verbessert werden soll. Das Sparpotenzial wird auf bis 60 Prozent geschätzt. Die EBWE stellt dafür neun Millionen Euro zur Verfügung. Für sie ist es das erste derartige Projekt. Ausländische Investoren profitieren bei einem Engagement im Bereich der Energieeffizienz in der Ukraine von der politischen Weichenstellung bei dem Thema und der westlichen Ausrichtung des Landes. Risiken sind in erster Linie die volatile Währung und teure Kredite. Der Leitzins liegt derzeit bei 17 Prozent.

In Belarus wird die Energieeffizienz von Gebäuden großgeschrieben

Belarus gehört zu den Ländern, die über nur wenig einheimische Energieträger verfügen. Deshalb gelten Themen wie Energiesicherheit und -einsparung als Fragen der nationalen Souveränität. Entsprechend groß geschrieben wird auch die Energieeffizienz von Gebäuden. Mit Unterstützung von EBWE und Weltbank sollen in den nächsten zehn Jahren 30 Millionen Quadratmeter Wohnraum besser gedämmt werden. Das staatliche Programm „Bau von Wohnraum“ für die Jahre 2016 bis 2020 sieht vor, dass 40 Prozent der Neubauten Einfamilienhäuser sind, die energieeffizient ausgeführt werden. Aktuell im Bau befindliche Häuser müssen mindestens der Energieeffizienzklasse B entsprechen. Bis 2020 soll der Energieverbrauch für Heizung und Lüftung bei Wohnneubauten halbiert werden.

Damit gewinnen auch der Ausbau der internationalen Zusammenarbeit, die Aneignung von Erfahrungen, Übernahme von Technologien sowie Gewinnung von Investitionen aus dem Ausland, darunter auch aus Deutschland, stark an Bedeutung. Im Rahmen eines Projekts unter Beteiligung des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und der Globalen Umweltfazilität entstanden in den letzten Jahren drei energieeffiziente Häuser in Minsk, Grodno und Mogilew als Pilotprojekt.

Niedrige Energiepreise in Kasachstan verlangsamen Reformen

Kasachstan hat im Gegensatz zu Belarus fossile Brennstoffe in großer Menge. Die Gaspreise sind im Vergleich zu Europa deutlich niedriger, wobei der Großteil der Energiewirtschaft auf der noch billigeren Kohle aufbaut. Die erklärten Energiesparziele bei der Senkung des Energieverbrauchs sind bisher wenig in konkrete Maßnahmen untersetzt. 2010 wurde von der Regierung offiziell eine 25-prozentige Senkung des Energieverbrauchs der Wirtschaft bis 2020 anvisiert. 2013 wurde das Programm „Energieeinsparung 2020“ verabschiedet, zu dessen Punkten die Erhöhung der Energieeffizienz von Wohnhäusern und kommunalen Dienstleistungen und die Senkung der Energieintensität pro Quadratmeter um 30 Prozent zählt. Eine von der Weltbank geförderte Studie kam 2017 zu dem Schluss, dass allein in der Hauptstadt Astana ein Plan zur Erhöhung der Energieeffizienz – beispielsweise die Modernisierung von Schulen und Kindergärten – von 2018 bis 2030 zu einer 35-prozentigen Senkung des Energieverbrauchs im öffentlichen Sektor führen kann.

Anatoli Mikhalev, Sales Manager des deutschen Heiztechnikherstellers Viessmann für Belarus und Kasachstan, sagt, sein Unternehmen fühle sich in beiden Ländern sehr wohl. Das größte Problem bei der Energieeffizienz sieht er darin, dass in diesen Ländern „statt eines ganzheitlichen Ansatzes beim Energiesparen auf staatlicher Ebene oft einzelne Aspekte in den Blick genommen werden“ und dass niedrige Energiepreise zu weniger Nachdruck bei Reformen führen.

Die Potenziale bei der Energieeffizienz von Gebäuden seien jedoch „riesig“. Wo es in Deutschland um Einsparungen von 10 oder 15 Prozent gehe, könnten der Energieverbrauch und damit die Kosten in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo man mit gesetzlichen Auflagen und anderen Maßnahmen noch relativ am Anfang stehe, auch mal halbiert werden. Das gilt – bei allen Unterschieden – für Russland, die Ukraine, Belarus und Kasachstan gleichermaßen.

Über Chancen und Risiken für Unternehmen, die ihre Effizienzlösungen in diesen Ländern anbieten wollen, informiert die länderübergreifende Dialogplattform „Urbane Energieinfrastruktur in Osteuropa und Zentralasien“. Sie ermöglicht den Austausch mit Umsetzungspartnern vor Ort und stößt Kooperationen an. Teilnehmen können deutsche Unternehmen aus den Bereichen Energiesysteme und -dienstleistungen sowie Bau, die bereits in den Zielmärkten aktiv sind oder einen Markteintritt planen.

Weitere Informationen

dena-Broschüre "Länderübergreifende Dialogplattform Osteuropa und Zentralasien"